Ich beginne mit der Gegenwart, es ist ja auch 2016 und nicht 2008. Meine Vergangenheit macht mich zwar zu dem, was ich bin, aber ich bin nicht meine Vergangenheit. Ich bin auch nicht meine Vergangenheit, wenn sie so heftig war, dass sie mich fast umgebracht hätte. Dann wäre ich ja nicht mehr hier, hätte nicht diese Mappe erstellt und würde nicht diesen Text schreiben.

Aber warum sehen das so viele Leute anders? Wieso bin ich 8 Jahre danach für Leute, die ich nicht kenne, noch immer „Die mit dem Unfall“. Ist das widerliche Sensationsgeilheit, ehrliches Mitgefühl, ein Versuch von eigenen Problemen abzulenken? Wieso werden bei mir jegliche Grenzen der Privatsphäre überschritten? Ist es schlimmer wenn mich heute jemand fragt ob ich aufgrund der Unfallfolgen überhaupt Kinder bekommen kann, oder wenn Ärzte im Spital reinplatzen während ich am Klo sitze und auch nicht auf die Idee kommen, sich wieder aus dem Badezimmer zu entfernen? Warum weise ich die Leute nicht schroffer zurecht? Und was hat meine Gebärmutter mit meiner Wirbelsäule zu tun?

Manchmal hämmert es so stark in meinem Kopf, dass ich phasenweise selbst nicht mehr weiß, ob ich Frau bin, nummeriertes Stück Fleisch oder der spannendste Fall für Unfallchirurgen seit etlichen Jahren.

Und welche Unterwäsche soll ich heute anziehen? Die, die am passendsten wäre, falls ich heute wieder einen Unfall hätte und ins Spital eingeliefert würde, die, die mein Freund am verführerischsten findet, falls ich heute Lust auf Sex habe, oder einfach die, die am bequemsten ist, wobei das dann einen BH ausschließt, der schnürt mich nur ein, da kann ich kaum noch atmen. Ob das Gefühl der Eingeengtheit von meinem Trauma der Philadelphia-Krawatte kommt? In meiner Akte steht nur, dass ich sie nicht „toleriert“ hatte. Wem ist eigentlich dieses saublöde Wort eingefallen um die damalige Situation zu beschreiben? Würde ich Teile meiner Vergangenheit rausschneiden wollen? Den ganzen Unfall, die Wirbelsäulenschäden, jeden einzelnen Tag der vergangenen Jahre, der nicht ohne Schmerzen war (das war jeder einzelne), die schweren Depressionen und die Tage an denen ich mir nur gewünscht habe, so bald wie möglich zu sterben? Nein, das würde ich nicht wollen, denn ich bin wer ich bin und ich mag mich so wie ich bin.